Menschen werden für andere attraktiver, wenn sie ihre sexuellen Triebe in Zaum halten können. Das erklärt der Wiener Psychotherapeut und Psychiater Raphael Bonelli. "Wer seinen Trieb aus freien Stücken aufschieben kann, stärkt damit seine innere Freiheit. Krankhaft wird Sex viel eher dann, wenn man nicht zumindest kurzfristig auf ihn verzichten kann." Wie viel Sex der Mensch mindestens braucht, um gesund zu bleiben, diskutieren Sexualtherapeuten, Psychiater und Theologen am kommenden Samstag auf einer Fachtagung über den Zölibat in Wien.Die mediale Präsenz der Sexualität spielt eine gewichtige Rolle in der Diskussion um das "nötige Minimum": Sex wird häufig als notwendiger Höhepunkt und Ziel jeder Liebesbeziehung dargestellt, verstärkt durch sexistische Abbildungen. Zusätzlich zu diesen künstlich geschaffenen kommen auch von Betroffenen selbst kreierte Bedürfnisse, erklärt Bonelli. "Viele Männer glauben fest, dass sie dringend Sex brauchen. Noch immer kursieren Unsinns-Argumente, etwa dass alle 14 Tage der Hoden entleert und Dampf abgelassen werden muss - womit Männer jedoch in erster Linie den Frauen Druck machen wollen."
Was schwerer wiegt, sind jedoch die psychischen Folgen von ausbleibendem Sex, wobei Sigmund Freuds Thesen weiterhin als Meilenstein gelten. "Freud wurde jedoch von der 68er-Bewegung und einer banalisierenden Mittelschulpsychologie fälschlich oft so wiedergegeben, dass jeglicher Verzicht auf Sexualität neurotisiere. Er selbst betonte jedoch, dass dies nur bei unfreiwilligem Verzicht zutrifft. Sein Schüler Carl Gustav Jung konkretisierte später, dass freiwillige Enthaltsamkeit - also ohne Flucht aus Nöten und Verantwortungen - keinesfalls schädlich ist."Die Freiheit, den Sexualtrieb sowohl ausleben als auch darauf verzichten zu können, sieht Bonelli deshalb als entscheidendes Kriterium. Unfrei sei der Verzicht auf Sex etwa im Falle von Frigidität, bei sexueller Verklemmung oder auch bei halbbewusster Selbststimulierung, die das Bedürfnis nach Befriedigung bloß steigert. "Der Betroffene gesteht sich selbst den Trieb nicht ein und verdrängt die sexuellen Motive von Vorschubhandlungen. Sexuelle Übergriffe nehmen oft hier ihren Ausgang - etwa jene der Ephebophilie, der erotischen Anziehung erwachsener Männer zu geschlechtsreifen Knaben."
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