Die Wahl fiel dabei auf die sogenannte Carakasamhita: Diese Schrift ist eines der wichtigsten und ältesten Zeugnisse des Ayurveda. Sie ist in acht Bücher gegliedert, welche unterschiedliche Bereiche und Themen der Medizin behandeln. Die Komplexität und der Umfang des Werkes verlangen eine schrittweise Analyse der einzelnen Teile: Ein Wiener ForscherInnen-Team widmet sich daher einzelnen Kapiteln des dritten Buches der Carakasamhita, des Vimanasthana, und des vierten Buches - des Sarirasthana. Die Projektleiterin Prof. Karin Preisendanz, Vorständin des Instituts für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde an der Universität Wien, erklärt die Bedeutung der untersuchten Kapitel folgendermaßen: "Gerade diese Abschnitte behandeln grundlegende Themen für das ayurvedische Denken. Wissen über die menschliche Anatomie, Embryologie, Pathologie und den natürlichen gesunden Zustand des Menschen wurde ebenso darin aufgezeichnet wie Gedanken über und Wege zur Realisierung der vollen Lebensspanne."
Nach anfänglicher mündlicher Überlieferung wurde der Text der Carakasamhita in seiner fast 2000-jährigen Geschichte immer wieder abgeschrieben. Dabei kam es aber unvermeidlich zu Veränderungen des Wortlauts, sodass es heute eine Fülle an divergierenden Manuskripten gibt. Welche Teile dieser "Textmutationen" die ursprünglichen Gedanken am genauesten wiedergeben, ist bis dato unbekannt. Genau dies wird nun von Prof. Preisendanz und ihrem Team analysiert. Die ForscherInnen bedienen sich dazu unter anderem einer Methode, die im Bereich der Textanalyse durchaus innovativ ist - nämlich aus der Evolutionsbiologie: Dort wird die Entwicklung verschiedener Arten aus einem gemeinsamen Ursprung mittels sogenannter Kladogramme analysiert. Vereinfacht gesagt sind dies Stammbäume mit jeweils nur zwei Verzweigungen pro Ast. Diese erlauben es, verschiedene Lebewesen aufgrund eines Vergleiches von Merkmalen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen.